zu gast in australien...

Drei Jahre

Heute vor drei Jahren sass ich in London, habe per SMS Bundesligaspielergebnisse aus Deutschland erhalten, Bastian Sicks Erstlingswerk verschlungen - und auf den Flug nach Australien gewartet. Kinder, wie die Zeit vergeht.

Der Vollstaendigkeit halber sei gesagt, dass ich genau das Gleiche vergangenen Samstag vor zehn Jahren getan habe. Okay, ohne SMS und Bastian Sick. Aber auch in London gesessen und auf einen Flug nach Australien gewartet. Und was kommt jetzt? Hoffen, dass man im naechsten Jahr wieder in London sitzt und... Naja.

Aber irgendwie hat man schon Lust.*

Und wenn irgendwer Lust hat (aeh, insbesondere wohl ich!), kann ich ja - in Abwesenheit des Internets vor zehn Jahren - von damals bloggen! Jawoll! Da fehlen mir jetzt nur noch die Notizen von damals...

Exklusive Berichterstattung

Ich will keine Haare spalten. Aber wenn Nicole Kidman darueber spricht, wo sie ihr Kind entbinden will, dann ist das immerhin fuer SpOn eine Meldung wert. Wenn schon, dann aber richtig.

Kidman will, so liess sie angeblich verlauten, ihr Kind im Prince of Wales zur Welt bringen. SpOn nennt dieses Krankenhaus eine "exklusive Privatklinik". Naja. Ein Blick in die englische Wikipedia (von mir aus auch in die Deutsche) haette genuegt, um zu merken, dass das Prince of Wales Hospital mitnichten eine exklusive Privatklinik ist. Das PoWH ist eins der groessten Ausbildungskrankenhaeuser in Sydney, eine Klinik der University of New South Wales. Diese Spitaeler nennt man bei uns gemeinhin Universitaetskliniken.

Boulevardjournalismus.

Krimi!

Und wie oft kommt es vor, dass man sich in einem genialen Krimi wiederfindet, den man selbst besser nicht haette schreiben koennen? Gestern war so ein Tag. (Nachtrag: ob der Laenge hatte ich gestern schon angefangen zu schreiben, mittlerweile hat das alles also vorgestern stattgefunden).

Der Kuerze wegen in Telegrammform. Wer dies als Vorlage fuer einen Hollywoodstreifen verwenden will, der sei gewarnt: FINGER WEG! Das ist meine Geschichte.

Montag, 23.30 Uhr:Dan und ich verlassen das Backpacker am Ende der Strasse Richtung eigener Behausung. Mir faellt nicht auf, dass meine Tasche nicht um meinen Hals haengt.

Dienstag, 08.30 Uhr:Ich bemerke, dass die Tasche nicht da ist. Also n kleinen Morgensprint zum Backpacker. Alles leergeraeumt, Tasche nicht da. Erkundungen bei der Rezeption erfolglos. Rueckfrage bei Dan auf der Arbeit.

8.45-12.00: Gespraeche mit Backpackern. Keiner hat die Tasche gesehen. Panikgefuehle werden in Unmengen Kaffee ertraenkt. Was ist denn in der Tasche? Alles. Mein ganzes Leben. Pass, Kreditkarte, Digicam, Bargeld, Fuehrerschein. Mein gesamtes Ich.

12.00-13.00: Kleiner Mittagsschlaf. Nervenberuhigung.

ca. 13.30: Zurueck im Backpacker. Worstcase-Szenarios werden ausgebruetet. Wie lange dauert es, ohne jeglichen Identitaetsbeweis einen Ausreisedokument zu bekommen? Kreditkarte schon leergeraeumt?

14.10: Auch die letzte Person, die ich am Tag davor gesehen hab, ist ausgequetscht. Das Maedel an der Rezeption raet mir, zur Polizei zu gehen und meine Kreditkarte sperren zu lassen.

14.45: Ich bin auf dem Weg zur Polizei. Und rufe mit meinen letzten drei Dollar Handyguthaben eine Servicenummer in Frankfurt an - Deutsche Bank in Sydney ist zu sehr mit Grosskunden beschaeftigt. Ich bin sauer, wuetend, enttaeuscht und den Traenen nahe.

14.46: Ich telefoniere mit einem Sprachcomputer. Deutsche Bank, jetzt bin ich mal ehrlich: Ihr koennt mich mal! Ich will weder meine Aktien von A nach B schieben, noch mich in irgendwelche Termingeschaefte in Suedamerika einmischen. "Bitte nennen Sie Ihre dreistellige Filialnummer!" Bitte? Woher soll ich die wissen? Und weil ich mittlerweile auf dreihundertsechzig bin, schreie ich "F#@$ off!" - Der Sprachcomputer will mich aergern. "Dies ist eine inkorrekte Eingabe."

14.54: Polizei Surry Hills. Die unfaehigste Person, die je gesehen hab. Armes Hemd. Ich hab kein Geld, vielleicht noch dreissig Cent. Ich will meine Kreditkarte sperren. Und ich will nicht hoeren: "Are you intoxicated?" Sie ruft fuer mich die deutsche Botschaft an, kommt dann mit haengendem Gesicht wieder und meint: "Da wurde nichts abgegeben." Hae? Aber klar, wenn ich eine Tasche klaue, diese durchsuche, einen deutschen Pass finde, dann laufe ich ja eigentlich zum deutschen Konsulat. Dass ich da nicht frueher drauf gekommen bin.

15.20.: Die Frau macht mich wahnsinnig. Nach fast einer halben Stunde kapiert sie endlich, was ich will: Karte(n) sperren lassen!
"Ja, dann muessen Sie da und da anrufen."
"Scherzkeks, ohne Geld?"
"Dann fahren Sie zum Konsulat."
"Ist geschlossen."
"Ja, aber bestimmt nicht fuer Sie."
Oh, ehrt mich! "Doch auch fuer mich."
"Aber nicht in Notfaellen."
"Das ist eine konsularische Vertretung, die sperren von deutschen Steuergeldern keine Kreditkarten fuer mich."
"Aber dort kriegen Sie einen neuen Pass."
HILFE! "Und, wie soll ich da hinkommen?"
"Da faehrt ein Bus hin."
Danke, war schon n paar mal da. "Und wovon soll ich den bezahlen?"

15.35: Gut, manche Menschen brauchen etwas laenger. Nach ner dreiviertel Stunde stellt sie mir ein Telefon zu Verfuegung. Dass ich Anzeige erstatten will, das hat sie noch gar nicht aufm Zettel. Ich telefoniere mit der Notfallbesetzung im Konsulat. Die Dame dort ist total suess. Aber helfen kann sie mir leider nur mit den Ausweisdokumenten. Kreditkarte ist ja Privatsache.

15.45: Ich telefoniere mit einer Visa-Hotline in Indien. Die Tussi sagt so oft Danke und Bitte, dass ich sie erschiessen will. Ich hab ja auch keinerlei Daten. Und noch immer nicht meine Deutsche Bank Fillialnummer aus der Grindelallee.

16.25: Die Karte ist gesperrt. Verspricht man mir. Die unfaehige Person, die wohl offensichtlich, manchmal vielleicht, ordentlich fuer die Polizei arbeitet, wird endlich von einem Kollegen abgeloest. Der nimmt meine Anzeige auf. Endlich.

17.00: Ich bin total ausgelaugt, wie ich aus der Polizeistation purzle. Mental. Wo ist meine Tasche? Ich will mein Ich zurueck.

17.25: Als Dan von der Arbeit kommt, bin ich von der "ich-will-toeten-Phase" in die "okay-du-kannst-es-nicht-aendern-und-ich-lass-mir-die-Stimmung-nicht-vermiesen". Dafuer wechselt Dan in einen mentalen Amoklauf. "Wie kannst du da denn so ruhig bleiben?" - "Ich glaub, ich hab's einfach akzeptiert." Er nicht, er sucht das ganze Hostel ab und gelobt ein Blutbad fuer den Fall, dass er die Typen in die Hand kriegt.

18.15: Ich hab schon drei Glaeser Wein auf nuechternen Magen intus, als ich ein R-Gespraech nach Hause taetige. "Nur kurz, Kinners, ich bin total ausgeraubt. Ich hab noch nicht mal 20 Cent." Und irgendwie auch keinen blassen Schimmer, wie ich denn ohne Ausweispapiere an Geld aus einer Internationalen Geldanweisung kommen soll.

19.05: Zu diesem Zweck versuche ich mit geborgter Telefonkarte und Kleingeld meine Beraterin der Deutschen Bank in Hamburg persoenlich anzurufen. Und als ich gerade den Besetzton hoere, kreischt das Maedel von der Rezeption: "You're the luckiest girl alive!"

19.06:Tasche wieder da. Pass, Digicam, Geldbeutel. Alles drin. Naja, bis auf das Bargeld. Und den schicken Qantas Executive Frequent Flyer Anhaenger.

Was ist passiert? Ein Typ stuermt in die Rezeption, knallt die Tasche auf die Theke und haut ab. Kommentarlos. Er kam der Rezeptionistin bekannt vor - aber nur vage. Und von dem schwedischen Maedel erfahren wir: ihre "Freunde" warens, haben mir die Tasche quasi zwischen den Fuessen weg gestohlen - und haben kalte Fuesse bekommen, als die Schwedin ihnen erzaehlt hatte, in welch misslicher Lage ich mich befinde. Klar, das Bargeld ist weg - und viel billigen Weisswein spaeter merke ich: alle Bilder auf der Digicam sind geloescht, die Software auf Englisch umgestellt. Muffensaussen? Sollte die verkauft werden?

Und jetzt befinde ich mich in einem moralischen Dilemma. Natuerlich bin ich froh, dass alles wieder da ist. Und irgendwie doch ganz glimpflich ausgegangen ist. Und vermutlich haette mich alles mehr als hundert Dollar gekostet, alles ersetzen, Geld neu anweisen zu lassen und so weiter und so fort.

Und trotzdem - soll ich jemandem auch noch dankbar sein, dass er mich ausgeraubt hat?

Supersommer

Es ist heiss. Sehr heiss. Vor allem in unserem Zimmer. Alter Pub, schlechte Belueftung, kein Durchzug, kein Ventilator - und alles voller Moskitos. Aber es ist billig.

Ich bin ja wieder in Sydney und habe bereits in den ersten drei Tagen wieder gemerkt, wie sehr ich die Stadt doch hasse. Alles viel zu laut, zu hektisch, zu voll. Aber abends im Backpacker nebenan sitzen, billigen Wein (Ein Euro fuffzich fuer den Liter) und sich von Schatzi lecker bekochen lassen, wenn er von der Arbeit kommt.

Es ist manchmal schon n hartes Leben.

WM-Fieber

Ich bin tatsaechlich um halb sieben heute morgen aufgestanden. Weil ja die WM-Auslosung anstand. Und spaetestens seit der Qualifikation Australiens fuer die WM (die Australien nach Ansicht von 30% seiner fussballinteressierten Experten auch gewinnen wird) ist hier ja nichts mehr sicher.

War doch wirklich lustich! Hat jemand diesen Film von Beck (?) gesehen? Herrje, ich hab doch wirklich sehr gelacht.

Und die Australier haben ja die "Todesgruppe" (bitte mit heiserem Klinsiakzent aussprechen) erwischen.

Davon sind sie zumindest schwer ueberzeugt.

Glutofen

Heute mindestens 80 Grad im Schatten. Auf einer nach oben offenen Skala, versteht sich, weil ich ja nicht alle Superlative verpulvern will. Wer weiss, was ich die naechsten zwei Monate noch brauche, wa?

Heute hab ich Kindergarten mal Kindergarten sein lassen und fuer eine Kunsteinrichtung im Baumarkt eingekauft (das ist ne Mikrowelle unter diesen Plastikdaechern), Grille geputzt (also was auch immer jetzt die Mehrzahl von "Grill" sein soll, da halt, wo die Australier ihre gegen die Menschenrechte verstossenden Wuerstchen braten), Bueropalmen umgetopft und pikierten Musikstars mit einem gedachten Fluch belegt, als die mal fuenf Minuten fuer Promofotos aus dem klimatisierten Innenraum nach draussen kamen, wo ich in der Gluthitze (der Wind ist auch nix anderes als n bestechend guter Haarfoen) seit zwei Stunden zwei Meter hohe Zimmerpflanzen von ihrer alten Erde befreit hatte.

Ich mach mir gern die Haende schmutzig.

Medienspektakel

Heute morgen um sechs Uhr Ortszeit wurde der gestaendige australische Heroinschmuggler Nguyen Tuong Van in Singapur gehaengt.

Das kann man jetzt so oder so sehen. Okay - sehen wir es von der zynischen Seite. Also ich. Aber dafuer bin ich ja immerhin bekannt. Und weil ich nicht ganz so zynisch bin, beschraenke ich mich auf das Presserummel.

Das war ja mal ein suesses Medienspektakel! Wie zweckmaessig, denn was haetten die australischen RTLs und BILDs heute morgen denn schon zu berichten gehabt? Nein, das war schon ein Gottesgeschenk, denn Seitenweise Einfuehrungen in die Praxis suedostasiatischer Todeskammern, Liveschaltungen nach Melbourne oder nach Changi geben schon mehr her als ein Wetterbericht (der koennte davon abgesehen auch mal besser werden). Absoluter Hoehepunkt meinerseits: "Es sind jetzt noch 90 Sekunden." Gut, dass wir bescheid wissen. Nur die Stoppuhr am oberen rechten Bildrand fehlte.

Die australische ARD sendete einen Trickfilm.

Eine Runde Mitheucheln

In etwas weniger als 14 Stunden wird in Singapur ein 25jaehriger Australier exekutiert. Er wurde vor drei Jahren mit knapp 400g Heroin auf dem Weg von Kambodscha nach Melbourne auf dem Flughafen Changi erwischt. Er hat gestanden, und angegeben, dass er mit dem Geld aus dem Handel die Schulden seines Zwillingsbruders abbezahlen wollte.

Soweit die "Fakten". Vor etwas mehr als einem Jahr wurde in Bali eine 28jaehrige Australierin mit vier Kilogramm Marihuana erwischt. Sie ist schoen, weiss, und hat bis heute ihre Unschuld beteuert. Dafuer bekam sie von der australischen Presse Liebkosungen und von der indonesichen Justiz 20 Jahre in einem Gefaengnis in Bali.

Der Fall des asiatischstaemmigen Ngyuen Tuong Van hat dabei weit weniger Aufmerksamkeit erregt. Dabei haben viele Menschenrechtsgruppen auf sein Schicksal aufmerksam gemacht. Und jetzt, Tage vor der Hinrichtung durch haengen, hat die australische Presse nichts besseres zu tun, als minutioes die Hinrichtung zu schildern, fuer eine Gedenkminute (!) zu plaedieren und auf die Traenendruese zu druecken.

Die "humane" Liberal Party, die hier Migrantenkinder in Internierungslager steckt und ihre eigenen Staatsbuerger abschiebt, weil diese im Moment eines Unfalls und daraus resultierender Ohnmaechtigkeit nicht beweisen koennen, dass sie Australier sind, dummerweise nicht weiss sind und dann vier Jahre in einem Altenhospiz auf den Philippinen verbringen, stimmen jetzt alle mit ein: "Das ist ja inhuman, sowas."

Natuerlich ist die Todesstrafe widerlich. Und inhuman ist es zusaetzlich, dass die Ngyuens Mutter ihren Sohn nicht mehr umarmen darf. Im Prinzip wirft der Fall mehr Fragen auf, als er beantwortet. Deshalb ende ich hier. Einfach mal abschneiden, die Diskussion.

Und dennoch wird momentan einfach nur um die Wette geheuchelt.

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